>>Gemüse-Saatgut selbst gewinnen – warum?

Gemüse-Saatgut selbst gewinnen – warum?

Saatgut-Gewinnung

Gesät oder gepflanzt?

Gemüse wird üblicherweise gesät oder gepflanzt. Bei einigen Arten kann man im Freiland beide Techniken praktizieren. Meist gilt die Aussaat als schwieriger, zumal dann, wenn es sich um Arten mit sehr kleinen Samen handelt, Feinsämereien eben. Doch auch die Jungpflanzen müssen einmal ausgesät worden sein, bevor wir sie in den gut vorbereiteten Boden unseres Ackers setzen können. Wenn wir uns die Anzucht aus Samen selbst nicht zutrauen, müssen wir auf das Angebot darauf spezialisierter Gärtnereien bauen. Die wiederum kaufen das Saatgut von Händlern bzw. direkt von Firmen, die sich auf die Vermehrung und Saatgutaufbereitung von Gemüse-Arten und -Sorten spezialisiert haben. Die professionellen Saatgutvermehrer beziehen das Saatgut ihrerseits direkt von den Pflanzenzüchtern, mit denen sie vertraglich geregelt kooperieren. In den Handel gelangt Saatgut heute grundsätzlich erst nach umfassenden amtlichen Prüfungen auf Sortenechtheit, Reinheit, Gesundheit, Keimfähigkeit und Keimkraft beispielsweise.

Saatgut in Kriegs- und Krisenzeiten – ein kleiner Rückblick

Was hier schrecklich kompliziert klingt und in der Praxis auch alles andere als einfach ist, befand sich noch vor wenigen Jahrhunderten gesellschaftlich völlig unbeachtet, keiner Erwähnung wert, in der Verantwortung zahlloser Bauernfamilien. Vor allem die Frauen waren neben ihren häuslichen Pflichten und auf den Hof bezogenen Arbeiten ganz selbstverständlich Züchter, Vermehrer und Händler in einer Person. Sie bauten ihre hofeigenen Sorten eben auch an, brachten sie z.B. als Getreide zur Mühle und als Gemüse auf den Markt. Dort, inmitten der zahlreichen Marktstände mußte die Ernte dem Angebot benachbarter Bauern standhalten, die ihre eigenen Sorten ebenfalls feilboten und lauthals anpriesen. Wer konnte seine Waren am besten absetzen, mußte am wenigsten wieder mit nach Hause zurücknehmen? Damals waren die Sorten weder patentiert noch sonst irgendwie geschützt. In Kolonial-, Kriegs- und Krisenzeiten ein beliebtes Beutegut, wurde Saatgut in Friedenszeiten zwischen den Bauern eines Dorfes, einer Region getauscht oder verschenkt.

Das geschieht mancherorts immer noch, sogar in Industrieländern wie Deutschland. Es passiert aber äußerst selten und in wirtschaftlich unerheblichem Ausmaß, denn die Wahlfreiheit zwischen den früher frei verfügbaren abertausenden namenlosen Landsorten ist uns durch Industrialisierung, Standardisierung, Rationalisierung, Globalisierung der Märkte und eben auch durch das komplizierte Zulassungsverfahren für Sorten und Saatgut weitgehend genommen. Damit ging leider auch die Arten- und Sortenvielfalt verloren, was inzwischen alle gesellschaftlichen Schichten unisono beklagen. Auf nationalen und internationalen Konferenzen wird seit Jahrzehnten händeringend nach Auswegen aus diesem Dilemma gesucht, bisher leider vergeblich.

Vom Gemeingut zum Global Player

Als Saatgut ein Gemeingut war, lag die Verantwortung für die Ernährungssicherheit in den Händen von Vielen. Anpassungen an lokale Böden und besondere Klimate, aber auch individuelle Vorlieben für Formen, Farben und Aromen, für bestimmte Verarbeitungseigenschaften und eine besondere Eignung für traditionelle Gerichte, dies alles förderte die Entstehung der Vielfalt. Heute ist der Handel mit Saatgut in Kombination mit Kunstdüngern und Pflanzenschutzmitteln ein riesen Geschäft. Beinharte Konkurrenz und länderübergreifende Firmenübernahmen ließen nur wenige, gigantische „Global Player“ überleben, die nun den Weltmarkt beherrschen – mit vergleichsweise wenigen Sorten, deren mangelhafte Umweltanpassung sich nur durch den massiven Einsatz von Technik und Chemie kompensieren läßt. Wenn unsere Gesellschaft, wenn wir alle weiterhin die verlockenden Höchsterträge und an Dumpingpreise gekoppelten satten Gewinne der Firmen gegen Ernährungssicherheit und Umweltqualität ausspielen, wird die Vielfalt weiterhin auf der Strecke bleiben. Außerdem steigen die unkalkulierbaren Risiken, die mit der Umweltzerstörung und mit dem Klimawandel einhergehen.

Wer sich von der globalen Entwicklung wenigstens teilweise unabhängig machen möchte, kommt nicht umhin, Nahrungsmittel wieder selbst anzubauen: auf dem Balkon, im Garten, auf eigenen oder auf gepachteten Flächen, allein oder in einer solidarischen Gemeinschaft, wie es Kindergärten und Schulen ja auch sind. Kulturpflanzen sind plastisch. Vielerorts praktizierte einfache Techniken, wie die Auslese und Saatgutgewinnung von denjenigen Pflanzen, die unseren Bedürfnissen und Vorstellungen am besten entsprechen, sind die Grundvoraussetzung für ein nachhaltiges come back der Vielfalt.  In den GemüseSteckbriefen beschreiben wir, wie das bei den einzelnen Arten geht – und freuen uns natürlich über Erfolgsberichte aus der Leserschaft ebenso wie über Korrekturen und Ergänzungen.

2018-09-04T14:55:11+00:0031.08.2018|Monatliche Acker-ToDos|1 Kommentar

Ein Kommentar

  1. AckerFamilie 20. Dezember 2018 um 12:52 Uhr

    […] habt ihr noch Saatgut aus diesem Jahr übrig oder gar Saatgut selbst vermehrt. Wunderbar! Dann kann es ja […]

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